Die einsame Stadt

Die einsame Stadt– Vom Abenteuer des Alleinseins von Olivia Laing
btb Verlag


Dieses Buch ist nicht bloß eine persönliche Geschichte, es ist eine Geschichte über Einsamkeit.
Es ist aber auch eine Studie über New York, 
eine Studie über Kunst und eine Charakterstudie über ihre Künstler sowie
eine Studie über das Miteinander und Alleinsein unter Millionen.

'Jüngsten Umfragen zufolge leiden über ein Viertel aller erwachsenen US-Amerikaner, unabhängig von Hautfarbe, Bildungsstand oder ethnischer Zugehörigkeit, an Einsamkeit, während 45 Prozent aller erwachsenen Briten angeben, oft oder manchmal einsam zu sein.'

Ich liebe ja wenn in Büchern Musik oder Kunst erwähnt wird, hier bekommen wir es im Überfluss.
Das einzige, was daran stören könnte ist, dass man das Lesen unterbricht um sich jedes einzelne erwähnte Werk anzusehen (Nighthawks, Early Sunday Morning, Automat uvm.) oder über deren Künstler, wie zum Beispiel Edward Hopper und seine Frau Jo, Andy Warhol, Henry Darger oder über die Ärztin und Psychoanalytikerin Frieda Fromm-Reichmann zu recherchieren.

»Es ist durchaus möglich, dass die Emanation der angsterregenden Eigenschaft der Einsamkeit an sich schon die empathischen Fähigkeiten des anderen lähmt.«
F. Fromm-Reichmann

'Das macht das Einsamsein so grauenerregend: das instinktive Gefühl, dass es buchstäblich abstoßend wirkt und Kontakt immer dann verhindert, wenn man seiner am dringendsten bedarf.'
Olivia Laing

Einsamkeit kann tödlich sein, die Pest der modernen Gesellschaft. Man lebt unter so vielen Menschen und doch sind viele nicht nur gefühlsmäßig, sondern tatsächlich isoliert und das ist ein großes Problem.
Das schlimme ist, dass viele den Einsamen eine Art Mitschuld geben, etwas seltsames und unangenehmes an und in ihnen sehen, was es wiederum für den einsamen Menschen noch schmerzhafter und schwieriger macht, Anschluss zu finden. Gerade wenn Vorurteile oder Schuldzuweisungen bestehen, zieht sich ein einsamer Mensch verletzt noch mehr zurück und wird misstrauisch und vorsichtig gegenüber anderen, obwohl er sich eigentlich öffnen müsste, es ihm erlaubt sein müsste, was ihm aber verwehrt wird.
Unangenehme Themen werden immer gerne weggeschoben, dabei ist es so wichtig, darüber zu reden.

'Es war, als hätten meine Ohren sich, nach der verheerenden Zurückweisung, auf die Frequenz der Ablehnung eingestellt, und wenn sie kam – was sie unweigerlich tat, den ganzen Tag über, in kleinen Dosen –, riegelte sich ein wesentlicher Teil von mir hermetisch ab, nicht um Reißaus zu nehmen, sondern um sich noch tiefer ins Innere meines Selbst zurückzuziehen.'
Olivia Laing

Alleinsein dagegen nicht als Bedrohung zu verstehen und nicht als Scheitern, sondern als Teil eines Prozesses, als Antrieb für Kunst, Kunst als Trost zu sehen, sich dadurch als Teil von etwas zu sehen, finde ich stark und inspirierend.
Es darf kein Tabu sein, gerade weil so viele Menschen darunter leiden.

'Wenn einen niemand anfasst, ist das Sprechen die intimste Art von Kontakt mit anderen Menschen, die man haben kann. Fast alle Stadtbewohner sind täglich Teil einer komplexen Polyphonie von Stimmen, die mal die Arie, weitaus häufiger jedoch den Chor erklingen lassen: Gesang und Gegengesang, verbaler Austausch von Belanglosigkeiten mit fast und völlig Fremden.'
Olivia Laing

Dieses Buch bietet eine Fülle an Themen und Kunst und ich liebe alles daran.
Wir folgen der Protagonistin,Olivia selbst, wie sie in einer fremden Stadt– New York– und nach einer gescheiterten Beziehung (noch bevor sie richtig begonnen hatte war sie auch schon vorbei) die Einsamkeit kennenlernt und Zuflucht und Trost in der Kunst findet.
Man kann viel lernen und vieles mitnehmen und vielleicht schärft es ja auch ein wenig die Empathiefähigkeit und fördert, sich etwas mehr um seine Mitmenschen zu bemühen und sei es nur, ihnen Verständnis entgegen zu bringen.

Ich habe das Buch auf Englisch (Original: The Lonely City 2016 erschienen) schon genau so lange hier liegen aber ich muss sagen, es ist nicht leicht, es auf Englisch zu verstehen. Ich bin da gar nicht reingekommen.
Ich bin daher ganz glücklich es endlich auf Deutsch lesen zu können (die deutsche Übersetzung erschien bereits 2023) und mich voll auf den Inhalt konzentrieren zu können und nicht mehr ständig eine Übersetzung zu bemühen.
Ich habe nicht den Eindruck, dass dadurch etwas verloren ging. Also wenn ihr es versuchen möchtet, gern auf Englisch aber macht es euch auch nicht unnötig schwer. 

Ein wirklich tolles Buch, ein richtig kleiner Schatz.
Kennt ihr es bereits? 
Falls nicht:

Viel Freude beim Lesen!

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