Alle Farben Grau
Alle Farben Grau ~ Martin Schäuble
Jugendroman
Fischer Sauerländer Verlag, 2023
In Alle Farben Grau geht es um Psychische Erkrankungen, Depressionen und Suizid bei Jugendlichen. Aber man kann es durchaus auch auf Erwachsene anwenden.
Also bedenkt das bitte vor dem Lesen, falls ihr mit dem Thema Probleme habt.
Es ist die Geschichte von Paul, der in der Psychiatrischen Klinik oder wie er es nannte, Klapse, auch noch die Autismus-Diagnose Asperger bekam.
Er liebte Katzen, Japan, Mathe, Mangas, Musik und intensiv darüber zu referieren. Und er mochte das Känguru von Marc-Uwe Kling, was ihn mir noch sympathischer macht.
Wir bekommen in verschiedenen Zeitsprüngen einen Einblick in Pauls Leben und Persönlichkeit und verschiedene Menschen, die Paul kannten, kommen zu Wort, wodurch wir ihn noch besser kennenlernen.
Am Schluss kommen Pauls echte Eltern zu Wort, denn Paul ist nicht bloß eine Romanfigur, Paul gab es wirklich, er hieß in Wahrheit Emil und sein Schicksal ist erschütternd.
So wie Paul/Emil geht es vielen Jugendlichen und es ist so wichtig, nicht die Augen davor zu verschließen, über diese schlimme und potentiell tödliche Krankheit (Depression) Bescheid zu wissen. Es braucht Prävention und Hilfe, schnelle Hilfe.
Manchmal nützt leider alles nichts, wie in Pauls, bzw. Emils Fall.
Und manchmal lese ich auf Social Media böse Kommentare wenn es um Suizid geht, böse über die Person, wie kann sie nur, was tut sie ihren Eltern, Geschwistern, Freunden, Kindern, allen Menschen im näheren Umfeld an!
Aber bei psychischen Erkrankungen und vor allem dann bei Suizid, wird gern übersehen, dass es auch eine Krankheit ist.
Wenn jemand an Krebs stirbt, ist niemand böse auf die Person. Soweit kommt es noch, da zu sagen, die hätte nur mehr kämpfen, es auch wirklich wollen müssen, gesund zu werden (ich bin mir sicher, solche gibt es auch, leider).
Aber bei psychischen Dingen wird der Aspekt der Erkrankung oft übersehen.
Es ist eben nicht der freie Wille, es ist die Krankheit.
Es ist meist nicht wirklich der Wunsch zu sterben, sondern die Unerträglichkeit zu leben.
Vielleicht ist die Wut einfach Ausdruck tiefer Verzweiflung und das nicht-verstehen dieser Krankheit und was sie bedeutet.
Das Buch ist unheimlich toll geschrieben, echt, authentisch, nahbar.
Ich mochte Paul so gerne, ich fand mich in manchen Dingen sogar in ihm wieder.
Ein wahnsinnig interessanter Charakter, der durch seinen Autismus immer etwas aneckte, nicht dem gängigen 'normalen' Jugendlichen entsprach, oft ein Außenseiter war.
Er hatte zwar wenige Freunde aber es fühlte sich beim Lesen nie so wirklich nah an.
Sie haben Paul schlicht nicht verstanden, nicht gewusst, was mit ihm los war, vielleicht wäre das Wissen etwas hilfreicher gewesen, ihn zu verstehen und zu akzeptieren. Doch auch teilweise mit dem Wissen sind viele überfordert.
Paul selbst wusste es irgendwann aber geholfen hat es ihm leider nicht.
Noah, Pauls bester Freund:
'Ich als Nicht-Genialer denke natürlich, wow, was für eine Gabe und was für eine Chance! Aber wenn du genial bist, dann ist das ja ein riesiger Druck. Wie viele geniale Leute scheitern oder sterben unerkannt, weil sie einfach nicht so weit kommen? Und sowieso ist klar, nicht alle psychisch Kranken sind super schlau, genauso wie nicht alle genialen Leute psychisch krank sind. Jedem kann es Scheiße gehen. Vielleicht war es nicht der Asperger, sondern die Depression, vielleicht auch beides zusammen, vielleicht etwas ganz anderes.'
(Sorry, es musste ein langes Zitat sein)
Paul, bzw. Pauls innere Stimme:
'Die Farben sind weg, und bald bist du es auch! Für dich gibt es nur noch grau. Mehr ist nicht zu machen, mehr bist du nicht wert. Wieso bist du überhaupt nach Japan zurückgekommen? Warum hast du nicht …
Paul: Was machte sie? Wie geht es ihrer Familie? Wie war das Wetter in Xiamen? Solche Sachen eben, die normalsten Fragen, die ich nicht rausbekomme, die ich ihr nie stelle, die ich niemandem stelle, weil ich das eben nicht kann, weil das überhaupt nicht so einfach ist, auf sie zuzugehen oder einzugehen oder mit den Leuten hier umzugehen. Weil du nicht normal bist. Weil du ein Freak bist.'
Noch ein Wort zu Pauls, bzw. Emils Mutter.
Ich kann nur sagen, eine ganz tolle, liebe Mutter! Paul hatte es eigentlich gut, ihm wurde viel ermöglicht, die Eltern hatten auch die finanziellen Mittel dazu. Ihm wurden seine Wünsche und Hobbys erfüllt und finanziert, sie war für ihn da, hat sich gekümmert. Was ich damit sagen möchte ist, dass man daran gut erkennt, dass es nicht immer an den Umständen liegt, was zeigt, dass diese Krankheit jeden erwischen kann.
Aber man liest auch ihre Unsicherheit, Überforderung und ihre Sorgen heraus und das muss so so schwer sein, zu sehen und zu wissen, wie schlecht es deinem Sohn geht, Hilfe zu organisieren und und.
Und ihn dennoch zu verlieren, das ist herzzerreißend.
Pauls Mutter:
'Ich war einfach nur glücklich, dass er eine gute Zeit hatte und nicht allein war. Ich erlebte Paul in den letzten Monaten so einsam, so in sich gekehrt. Das hat uns als Eltern wirklich weh getan, den eigenen Jungen so leiden zu sehen, ihn nicht mehr richtig zu erreichen und ihm nicht helfen zu können.'
'Herzliches Beileid, dazu möchte ich unbedingt noch etwas sagen. Niemand weiß, wie man einer Familie das Beileid nach dem Suizid eines Kindes ausspricht. Die Wahrheit ist, es gibt kein Richtig oder Falsch. Jede Karte, jeder Brief, WhatsApp, SMS, ein stilles Drücken oder eine Blume vor der Haustür. Alles war gut. Nur nichts tun, das war keine gute Idee, wie wir feststellen mussten.'
Pauls Vater:
'Es fühlte sich manchmal so an, als würden Eltern sich für den Tod des eigenen Kindes schämen und für sich selbst schämen. Schämen führt zu Verschweigen. Und so ist Suizid ein Tabuthema. Keiner redet darüber. Die Menschen leiden allein und bekommen so keine Hilfe. Bis sie es nicht mehr aushalten.'
'Ich wünsche mir, dass Eltern sich bewusst machen, dass psychische Erkrankungen eine Realität sind und nicht nur in anderen Familien auftreten. Dass sie ihren Kindern wertungsfrei zuhören, wenn es ihnen nicht gut geht, wenn sie ein Pullover kratzt, sie keine Gurken essen können und das Zimmerlicht für sie zu grell und die Dunkelheit zu dunkel ist.'
Sie haben nichts falsch gemacht. Es gibt auch andere Eltern, ich weiß das.
Und wie muss es erkrankten Kindern und Jugendlichen erst in einem Elternhaus ergehen, wo diese Mittel und diese Bemühungen, Aufmerksamkeit, Zuwendung oder Hilfe nicht zur Verfügung stehen oder gestellt werden?
Und dann wie jetzt ganz aktuell von der Bundesregierung gerade an dieser Stelle zu kürzen, zu streichen, einzusparen, es ist einfach nur skandalös.
Ein trauriges, schönes, erschütterndes und wichtiges Buch.
Alina, Pauls Freundin aus der Klapse:
»Ich weiß nicht, ob der Tod wirklich so viel besser ist.«
Und damit ist eigentlich alles gesagt.
Hallo Silver,
AntwortenLöschenpuh! Also ich habe schon zu Anfang deines Beitrages gedacht: Das ist mit Sicherheit kein leichtes Buch. Und ich sollte Recht behalten. Umso weiter ich gelesen habe, umso mehr habe ich gemerkt, dass man dieses Buch vermutlich oft zur Seite legen muss und dass es die passende Stimmung benötigt, wenn man dazu greift.
Allein beim Lesen deiner Worte sind schon sehr viele Emotionen und Gedanken in mir hochgekocht.
Man merkt auch deinen Worten an, dass dieses Buch auf einer wahren Begebenheit beruht. Ich denke, es ist schwer so emotional zu schreiben, wenn man rein aus einer Vorstellung heraus berichtet.
Definitiv ein Buch, das ich mir merken werde. Aber definitiv auch kein Buch, das ich einfach so zur Hand nehmen und lesen würde.
Ganz liebe Grüße
Tanja
Hallo Tanja,
Löscheneigentlich musste ich das Buch nicht deswege mal kurz weglegen. Es hat eine Sogkraft, so viel kann ich sagen.
Es ist wirklich toll geschrieben aber ja, es ist keine leichte Kost
Und es ist völlig okay, da erstmal vor zurückzuschrecken.
Wenn man mit dem Thema Schwierigkeiten hat, muss man sich auch nicht zwingen.
Ich habe dafür andere sensible Punkte, die ich nicht gut lesen kann.
Ich wollte es nur unbedingt hier vorstellen weil ich es wichtig finde:)
Liebe Grüße,
Silver
Huhu Silver,
Löschenich bin sehr froh, dass du das Buch hier vorgestellt hast. Sonst wäre es mir vermutlich nie untergekommen. Kürzlich habe ich sogar wieder, einfach so, an deine Rezension denken müssen. Das ist definitiv ein Buch für mich. Aber ich habe eben auch großen Respekt davor. Könnte schon sein, dass es mich zu stark trifft.
Ganz liebe Grüße
Tanja
Schönen guten Morgen!
AntwortenLöschenDas sind Bücher, die möchte ich nicht lesen. Zum einen mag ich grundsätzlich eh nicht so gerne realitätsnahe Bücher, gerade wenn es auch um schwierige / schwere Themen geht. Weil man bzw. ich das in meinem Umfeld eh schon zur Genüge kennt / kenne. Zum anderen bin ich hier auch selbst verwickelt im engen Familienkreis und deshalb könnte ich das tatsächlich nicht lesen.
Dass Menschen psychische Krankheiten nicht verstehen ist leider immer noch so. Kann man fast nicht begreifen in der heutigen Zeit ... aber dieses fehlende Feingefühl oder Verständnis ist einfach immer noch zu sehr in den Menschen verankert. Aufgrund eigener Verletzungen oder Abwertungen, man weiß es nicht.
Jedenfalls mutig, sowas zu lesen und bis zum Ende durchzuhalten.
Liebste Grüße, Aleshanee
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
LöschenSilver14/9/26
LöschenHey Aleshanee,
Und das ist auch okay.
Niemand muss sich zwingen an ein Thema zu gehen, womit man gerade nicht umgehen kann.
Gerade wenn du es selbst im Familienkreis erlebst oder erlebt hast.
Ich fand es nur wichtig, dieses Buch vorzustellen und auf das Thema aufmerksam zu machen.
Ich finde irgendwie, das sind wir als Gesellschaft und das schließt jede Person mit ein, uns gegenseitig schuldig.
Aber das mag jeder anders sehen. Ich habe auch meine Punkte, wo ich nicht mal ein fiktives Buch lesen mag.
Solange ein Bewusstsein da ist.
Dir und deinem familiären Umfeld wünsche ich alles Gute.
Liebe Grüße,
Silver
Es ist auf jeden Fall wichtig, solche Bücher zu zeigen und diese Themen auch anzusprechen. Für jemanden wie mich mag es nicht das richtige sein - für andere aber eben vielleicht schon!
LöschenHm, schuldig sein im Sinne von? Den Satz hab ich jetzt nicht genau verstanden auf was du es beziehst. Wir sind anderen Menschen oder der Gesellschaft schuldig - auf solche Themen aufmerksam zu machen? Meinst du das?
Vielleicht. Aber ehrlich gesagt, fühle ich mich niemandem etwas schuldig.
Ich muss nichts lesen, was ich nicht mag - ich muss niemanden mögen, den ich nicht mag ...
Ich möchte meinen Fokus auf mich richten, weil ich das viel zu lange nicht getan habe. Und wenn man sich selbst als "unwichtig" erachtet, wird es schwer, andere zu achten (mit echten Gefühlen und nicht aus einer verquirlten Abhängigkeit heraus, wie es bei mir der Fall war)
Und als zweites richtet sich mein Fokus auf das Gute. Das Schöne. Das Freundliche. In allem was ich sehe, ob das Blumen sind, ein Sonnenuntergang oder Menschen. Und das versuche ich weiterzugeben. Das ist mein Part.
Ich hab irgendwann auf Insta mal zufällig ein Zitat gesehen von Mutter Teresa. Ich weiß nicht, ob es stimmt, dass sie das gesagt hat, aber es ist hängen geblieben. Den genauen Wortlaut weiß ich auch nicht mehr, aber es ging darum:
Such dir eine Sache aus, die dir wichtig ist. Und dann "kämpfe" darum bzw. tu alles dafür, dass es damit besser wird.
Gemeint ist, man kann nicht alles lösen und nicht jedem helfen. Es gibt so vieles auf der Welt und wenn man allen helfen will wird man scheitern. Wenn du aber einem wirklich hilfst, hast du allen geholfen. Ist auch so ein Sprichwort :)
Liebe Grüße, Aleshanee