Terminal Boredom

Terminal Boredom ~ Izumi Suzuki
Eine Sammlung von 7 Kurzgeschichten (Englische Edition)

Ich kann eigentlich nur sagen: wow!
Ich bin echt ein Fan von Izumi Suzuki geworden, ihre Art zu erzählen und die Themen wie Entfremdung, Gegenkultur, Geschlechterrollen (das Aufbrechen dieser), Science Fiction und psychologische Zustände ihrer Figuren, um nur ein paar zu nennen, sind so hervorragend gezeichnet, oft ohne explizit etwas einzuteilen.
Sie schreibt offen, aus der Beobachtersicht, nicht wertend oder einordnend, das überlässt sie dem Leser und das ist große Kunst.
Die Geschichten haben mich umgehauen, sie haben- jede für sich- mehr oder weniger mehrere Schichten, manche lassen einen noch lange nachdenklich zurück. 
Izumi Suzuki war eine beeindruckende Frau, vielleicht ihrer Zeit voraus, mit tragischer Geschichte, viel zu früh verstorben. Bekanntheit und Würdigung wurde ihr und ihrem Schreiben erst posthum zuteil.
Veröffentlicht wurden (Englische Ausgaben): Terminal Boredom: Stories, Set My Heart On Fire: A Novel, Hit Parade Of Tears: Stories 

Terminal Boredom: Die erste Geschichte Women and Women, handelt von einer Welt, in der Männer praktisch nicht mehr existieren, die, die es noch gibt, werden in Lagern gehalten. Es herrschen in dem Matriarchat Einigkeit und Frieden.

"Men are an offshoot of humanity as well, but they’re a deviant strain. They’re freaks."

(Auch die Männer sind ein Ableger der Menschheit, aber sie sind eine abartige Spezies. Sie sind Freaks.')

Doch eines morgens entdeckt die 18jährige Yūko einen Jungen, der vor ihrem Haus entlanggeht.
Sie ist verwirrt, denn das kann doch nicht sein?
Sie weiß nichts über Jungs oder Männer, nur, dass sie den Planeten zerstört haben und die in dem Lager sind stumpf und lethargisch. Sie nimmt zaghaft Kontakt zu ihm auf– vorsichtig und heimlich, denn wenn das rauskommt, hat das folgenschwere Konsequenzen.

Die Geschichte entfaltet immer mehr Dinge, die dich wirklich nachdenklich machen und über die man eigentlich ganze Podiumsdiskussionen führen könnte.

Auch die 4. Geschichte, The Old Seaside Club, breitet sich erst nach und nach vollständig aus.
Es geht um Erkenntnis und Akzeptanz und – im besten Fall–  daraus resultierender neuer Chanchen durch ein ändern der (schlechten) Angewohnheiten oder Handlungen.

"This is a chair that sits in the middle of my apartment and talks to me – and only ever to say mean things! It’s pretty ridiculous for a piece of furniture to have a personality, but that’s just how it is."

"Reboots are about letting go, and accepting things,’ CHAIR emphasizes, more quietly. Naoshi opens those cold, unsettling eyes and watches me settle his mug on the table. He sits up and lets out a sigh long enough to carry his whole soul."

(„Das ist ein Stuhl, der mitten in meiner Wohnung steht und mit mir redet – und zwar immer nur gemeine Sachen! Ziemlich absurd, dass ein Möbelstück eine Persönlichkeit hat, aber so ist es nun mal")

(„Neustarts bedeuten Loslassen und Akzeptanz“, betont der Stuhl leiser. Naoshi öffnet seine kalten, beunruhigenden Augen und beobachtet, wie ich seine Tasse auf den Tisch stelle. Er richtet sich auf und seufzt tief,  lange genug, dass man seine ganze Seele darin spürt")

Es gefällt mir auch You May Dream, in der per Losverfahren die Möglichkeit besteht, sich in einen Cryoschlaf versetzen zu lassen, um eine überbevölkerte Welt zu entlasten und irgendwann, an einem unbekannten Punkt in der Zukunft, wenn die Umstände, die Welt, besser und blühender geworden ist, wieder aufzuwachen. Man hat die Möglichkeit, während des Cryoschlafes an den Träumen eines anderen teilzunehmen- um nicht vergessen zu werden, zur Unterhaltung. Eine junge Frau gewährt ihrer Freundin, die sich für den Schlaf entscheidet, Zugang zu ihren Träumen.

"Though I suspected thinking like this was a bad habit of mine, I also reasoned that even if I granted this obstinate soul entry into my mental universe, it’d only be while I was asleep."

"No firm beliefs, no hang-ups. Just a lack of self-confidence tangled up in fatalistic resignation. Whatever the situation, nothing ever reaches me on an emotional level. Nothing’s important. Because I won’t let it be. I operate on mood alone. No regrets, no looking back."

("Obwohl ich vermutete, dass dieses Denken eine schlechte Angewohnheit von mir war, argumentierte ich auch, dass selbst wenn ich dieser hartnäckigen Seele Einlass in meine Gedankenwelt gewährte, dies nur im Schlaf geschehen würde")

("Keine festen Überzeugungen, keine Hemmungen. Nur ein Mangel an Selbstvertrauen, verstrickt in fatalistischer Resignation. Was auch immer geschieht, nichts berührt mich emotional. Nichts ist wichtig. Denn ich lasse es nicht zu. Ich handle nur nach Stimmung. Keine Reue, kein Blick zurück")
 
Oder Night Picnic, über eine Familie, die verlassen auf einem menschenleeren, seltsamen Planeten lebt und versucht, soziale Gepflogenheiten aufrecht zu erhalten, von denen sie in alten Geschichtsbüchern gelesen oder in längst vergangenen Familienserien oder Coming-of-age Filmen gesehen haben.
Die Phrasen und Belehrungen des Vaters wirken vertraut aber auch seltsam an einem Ort wie diesem.

"Since they were unsure of what, exactly, was the best way for an Earthling to behave, they held themselves and their children to impossible ideals. Their pursuit of the history of their ancestors, too, was a function of their desire for peace of mind")

("Da sie sich nicht sicher waren, wie sich ein Erdenbewohner am besten verhalten sollte, legten sie an sich selbst und ihre Kinder unerreichbare Ideale an. Auch ihr Streben nach der Geschichte ihrer Vorfahren war Ausdruck ihres Wunsches nach innerem Frieden")

Alles wirkt bizarr und nimmt einen unerwarteten Twist am Ende.
Die letzte Seite dieser Geschichte ist erstaunlich und ich würde sie euch gerne zeigen aber nein.

Wie gesagt, die Stories haben meist mehrere Layer, und eigentlich ist es am besten, vorher nicht so viel über diese Geschichten zu wissen, sondern einfach drauflos zu lesen.

Daher, viel Spaß beim Lesen! (und darüber nachdenken:))

Solltet ihr dieses Werk bereits kennen, schreibt mir gerne, was ihr darüber denkt.

Kommentare

  1. Klingt nach einer sehr guten Autorin und tollen Stories! Hab vorher noch nie von ihr gehört.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Christine, es lohnt sich auf jeden Fall mal etwas von ihr zu lesen:)

      Löschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts