Normale Menschen

Sally Rooney~ Normale Menschen Zeitgenössischer Liebesroman, Coming-of-Age


Das Buch umschreibt in einem Zeitraum von knapp 5 Jahren Episodenartig die Beziehung zwischen Connell und Marianne- beide sehr unterschiedlich und in vielerlei Hinsicht weit voneinander entfernt- obwohl sie zusammen zur Schule gehen- und dennoch fühlen sie sich stark voneinander angezogen- mit ihren Höhen und Tiefen, Schwierigkeiten und ihrer persönlichen Entwicklung.

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Ich las in einer Kritik, Mariannes Mutter sei 'Grundlos gehässig', was kritisch angemerkt wurde.
Ich frage mich, gibt es denn überhaupt einen Grund um gehässig zu sein? Warum können Mütter ihren Töchtern gegenüber nicht negative Gefühle haben, woher auch immer sie stammen? Als gäbe es keine toxischen oder psychisch kranke Eltern, eigene Versäumnisse, die Kindern in die Schuhe geschoben werden, Schuld, die auf Kindern abgeladen oder überzogene Erwartungen, in alle möglichen Richtungen, die an Kinder gestellt werden. Wie seltsam weltfremd das als Kritik anzuführen.
Der gewalttätige und auch sonst unangenehme Bruder Mariannes war von Anfang an genau das, ist das etwa auch unglaubwürdig? Finde ich keineswegs, das ist meiner Auffassung nach nicht zu kritisieren auch wenn nicht näher auf den Grund für das Verhalten eingegangen wird, in der realen Welt gibt es dafür auch keinen logischen Grund und doch passiert es genau so.
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Es ist auch kein Buch, das tiefgründig oder gründliche Kritik an einer Zwei-Klassen-Gesellschaft hegt, (wie ich in einer Rezension las, die diesen Umstand kritisch anmerkte) es ist nur ein Rahmen, ein weiterer Baustein oder Hindernis in dieser -und das ist das eigentliche Thema- (Liebes)Geschichte der beiden Protagonisten, mit Augenmerk auf ihre jeweilige persönliche Entwicklung.

Es zeigt den Druck, manchmal den eigenen, dem man sich selbst aussetzt, manchmal der Menschen um einen herum, was die Wahrnehmung deiner Person betrifft. Sich Zuneigung und Anerkennung von Menschen zu wünschen, die man nichtmal besonders mag aber würde man sich entsprechend seiner wahren Natur verhalten wäre dies der sichere gesellschaftliche Tod, die Schwierigkeit, abzuwägen oder auf dem Drahtseil zu tanzen.
Wie klein der Dunstkreis in Wahrheit ist, in dem man sich in seiner Jugend bewegt und wie monströs er zu dieser Zeit erschien, wie ausweglos manches erschien, was es rückblickend vielleicht war aber auch keinen wirklichen Verlust bedeutet hätte, vielleicht eher eine Befreiung.
Das eigentlich nur zählt, zu sich selbst zu stehen, mit allen Vor und Nachteilen. Die Erkenntnis dessen, dass es eigentlich gar keine große Rolle spielen sollte, was andere davon halten, wen du magst und warum und was dein wirklicher Charakter ist, sich gegen andere zu behaupten, auch wenn es gegen die beliebteren Schüler*innen, Student*innen geht (oder anderen) ist gut gezeichnet und vor allem wahr.
Das ist die Botschaft, sollte es überhaupt eine geben, die man aus dieser Geschichte ziehen kann.
Man könnte vielleicht kritisieren, das künstlich Probleme erschaffen werden aber die Spuren, die eine schwierige, lieblose Kindheit oder Jugend mit viel Ablehnung und Unverständnis und Gewalt in einem Menschen hinterlässt, zeigen sich eben manchmal erst mit Verzögerung. Daran ist nichts seltsam oder konstruiert.

Es zeigt die Probleme ganz vieler junger Menschen auf, wäre jeder perfekt, würde sich immer richtig verhalten (hier stellt sich wieder die Frage, was ist richtig? Und selbst wenn man für sich selbst 100% davon überzeugt ist, sich einwandfrei verhalten zu haben, stoßen sich dennoch mit 100%iger Sicherheit andere daran) und wäre jeder jederzeit kommunikativ erfolgreich, gäbe es absolut keine Konflikte auf dieser Welt.
Aber das ist es eben, man missversteht sich, ist verunsichert, kann andere nicht einschätzen, hat vielleicht negative Erfahrungen gemacht und entsprechend negative Erwartungen, es gibt unzählige Gründe, warum zwei Menschen aneinander vorbei reden oder gar leben können.
Dieses Gefühl irgendwie verloren zu sein, nicht im Einklang mit sich selbst, die Schwierigkeit, seinen Platz in der Gesellschaft, in seinem eigenen Leben zu finden, ist vielen Menschen nur allzu vertraut. Auch, mit tiefer, echter Liebe umzugehen, dazu zu stehen und sie ausdrücken zu können.
Auch darum geht es in diesem Buch.

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Fazit

Es wird schnörkellos und angenehm unprätentiös erzählt, vielleicht fehlt einigen ein Hauch von Proust aber es bedarf nicht immer vieler (sehr vieler) Worte, um etwas zu erzählen, um auf den Punkt zu kommen.

Möglicherweise ist es manchen nicht intellektuell genug, doch es reicht völlig.
Es will meines Erachtens gar nicht mehr sein als es ist, eine Geschichte über zwei sich liebende Menschen, die sich selbst und ihren Platz im Leben aber noch nicht gefunden haben, die noch in der (nie endenden) Entwicklung stecken aber sich auch gegenseitig- manchmal ohne es zu merken- dabei helfen.
'Richtiger Mensch, falsche Zeit' könnte das Motto sein.
Ich finde es ist ein absolut lesenswertes Buch und es geht nicht um Helden oder glattgeschliffene Charakter ohne Fehler, es geht schlichtweg um Normale Menschen.

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Punktevergabe zur Orientierung:

Persönlicher Gesamteindruck: 4/5
Spannung: 0,5/5
Humor: -/5
Spice: 3/5
Stil/Lesefluss: 4/5
Logik(fehler) in der Handlung: 0,5/5
Empathie/Sympathie mit Hauptfigur(en): 4/5

>Normal people gibt es auch als Serie, ihr findet sie in der ZDF-Mediathek. Mit Paul Mescal und Daisy Edgar-Jones. Habe die Serie noch nicht angesehen und somit noch keine Bewertung möglich.





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